Lucas Gehrmann

„Das sind meine Kleider.“ Zur Frage der Sichtbarkeit des Unsichtbaren in Käthe von Strobeles Bildmosaik Das Schloß

 

»Das sind meine Kleider, alle veraltet, überladen, wie du meinst. Es sind aber nur die Kleider, für die ich oben in meinem Zimmer keinen Platz habe, dort habe ich noch zwei Schränke voll […], jeder fast so groß wie dieser. Staunst du?« »Nein, ich habe Ähnliches erwartet; ich sagte ja, daß du nicht nur Wirtin bist, du zielst auf etwas anderes ab.« »Ich ziele nur darauf ab, mich schön zu kleiden, und du bist entweder ein Narr oder ein Kind oder ein sehr böser, gefährlicher Mensch. Geh, nun geh schon!« K. war schon im Flur […], als die Wirtin ihm nachrief: »Ich bekomme morgen ein neues Kleid, vielleicht lasse ich dich holen.« Mit diesem Dialog zwischen der Wirtin und K., dem Landvermesser, bricht Franz Kafkas Romanfragment Das Schloß1 (1922) ab.

90 Jahre später konzipiert die Fotokünstlerin Käthe Hager von Strobele eine gemeinsam mit Ernst Koslitsch zu bestreitende Doppelausstellung namens The Castel : Das Schloss. Sie selbst erschafft hierfür ein 90teiliges „Bildmosaik“ mit dem Titel Das Schloß (2012) – eine ausgedehnte, aus in Glaskästen montierten Farbfotografien bestehende Wandinstallation. Einer dieser Bildmosaiksteine zeigt ein modisch „veraltetes“, doch durchaus ansehnliches Kleidungsstück, welches vor einer steinernen Außenmauer – eben jener des „Schlosses“ – auf einem Kleiderständer hängt.

Auch abgesehen von der Titelgleichheit von Bilder-Montage und Kafka-Text drängt sich ein Vergleich der beiden hier genannten Szenarien auf: das Kleid im Bild befindet sich außerhalb des jeweiligen Schlosses, kann aber unschwer mit seinem Inneren in einen Zusammenhang gebracht werden; so wie sich bei Kafka die dem Schloss ferne Wirtin, indem sie sich „überladen“ kleidet, verdächtig macht, „auf etwas anderes abzuzielen“, nämlich – so darf vermutet werden – auf eine Partizipation an der sich allen Außenstehenden verschließenden Gesellschaft im Inneren des Schlosses.

In beiden Fällen sind es Projektionen der eigenen, außen verorteten Vorstellungen vom Inneren hinter den Mauern, die hier in Form von Kleidern Gestalt annehmen.

„Es verdichtet die Sehnsucht des Menschen nach Sinn und dessen Befestigung. Es verkörpert den Anspruch nach Herrschaft über den Wohnraum und die Verwaltung des umliegenden Lebens. Es heißt, dass es jene Fremden bannt, unterdrückt und vernichtet, die Zugang zu seinen inneren Zusammenhängen suchen“, schreibt Hager von Strobele über das Schloss (im Allgemeinen), ohne sich dadurch abschrecken zu lassen, einen Zugang zum Inneren „ihres“ Schlosses zu finden. Und wie ihre Aufnahmen der Schloss-Räume beweisen, ist es ihr auch gelungen, realiter hineinzugelangen. Wobei ihr „Schloss“, in Wirklichkeit ein villenartiger Landsitz, unbewohnt war, als sie ihn fotografisch dokumentierte – der einstige Besitzer, ein Wissenschaftler, war verstorben, das Haus stand leer.

Diese Leere spiegelt sich bedrückend fast in diesen Bildern, die Möbel und Wände ohne jede Patina zeigen. Kühle Ordnung und Sauberkeit regiert in jenen Räumen, die kaum mehr zu erzählen vermögen über den Charakter und das Leben ihres einstigen Besitzers, als dass hier immer alles nach dem Rechten gegangen sein muss.

Eine hohe Bildschärfe und Schattenlosigkeit der Aufnahmen verstärkt diesen Eindruck der Absenz von Zeit und Leben, der durch die Installation der Fotoreihe zum Bildmosaik an den Wänden eines White Cube noch gesteigert wird: „Hinter Glas gesetzt, hängen die Fotografien eingekleidet von Glasvitrinen wie Relikte in historischen Museen. Hier herrschen Ordnungen wie in jedem Alltag […]. Volumina […] treten in Resonanz mit der Menschenleere des Raums, der sie umgibt. Und doch quillt aus diesen strukturalen Verwandtschaften nicht nur Einklang und Übereinstimmung hervor – hier tritt das Unheimliche auf die Bühne.“2

Diesem Zitat von Roman Widholm aus dem Jahr 2010 wurden jene Passagen entwendet, die über Kleidungsstücke berichten, welche die Künstlerin damals noch in jedem ihrer Interieurs inszeniert hatte – und die als sowohl skulpturale Elemente als vor allem auch „Repräsentanten einer bestimmten Vergangenheit“ fungierten, wie die Künstlerin selbst sagte. Im Schloß-Mosaik hat sie auf solche Inszenierung verzichtet, abgesehen von der eingangs genannten Außenaufnahme mit dem altmodischem Kleid, das womöglich aus dem Schrank der Wirtin bis an die Schwelle des Schlosses gelangt ist – immerhin. Selbst dann werden wir nie erfahren, ob Kafkas Schloß tatsächlich bewohnt war oder nicht – doch spielt das eigentlich gar keine Rolle: Käthe Hager von Strobele, „Verfechterin einer künstlerischen Praxis, die den Ausdruck menschlicher Existenz an den Überbleibseln, den zurückgelassenen Spuren von Gebräuchen und Verwendungen untersucht“3, öffnet uns auch in unbelebten Räumen genügend Platz für neue rätselhafte Fragen.

Lucas Gehrmann

 

 

1 Franz Kafka, Das Schloß. Roman in der Fassung der Handschrift (1922). 2 Bde. Hrsg. v. Malcolm Pasley. Frankfurt 1982; 20. Kapitel.

2 Roman Widholm, leftover, in: Galerie Foto-Forum: Käthe Hager von Strobele, Bozen 2010

3 a. a. O.