Roman Widholm

Leftover

Wir können nicht von Bildern sprechen, ohne an die Selbstverständlichkeit zu denken, mit welcher wir lebendige Gestalten und ausgedehnte Räume auf einfachen Bildflächen zu erkennen glauben. Wie jede Sprache, hält sich auch die Fotografie nicht allzugern mit Selbstverständlichkeiten auf.

Die Fotografie ist eine heimelige Kunst. Sie holt das Fremde aus aller Welt in den vertrauten Rahmen eines Bildes. Sie lässt die Ausmaße des Wirklichen ohne dessen Unanehmlichkeiten erahnen.

Die Fotografie ist eine unheimelige Kunst. Sie kümmert sich gleichermaßen um die Bewahrung und Veröffentlichung des Vertrauten wie um die Eroberung und Vermessung des Unvertrauten, Neuen und Fremden.

Die Fotografie ist eine unheimliche Kunst. Sie erzählt von einer grundlegenden und latenten Unsicherheit des menschlichen Blicks: dem eigenen Auge beim Sehen nicht zuschauen zu können.

Käthe Hager von Strobele verarbeitet diese Charakterzüge der Fotografie zu Bildern und Installationen, in welchen sich die Vielschichtigkeit des Mediums Fotografie mit jener traumwandlerischen Sicherheit verbindet, in welcher die Künstlerin und Kuratorin ihre Objekte setzt und fotografische Räume inszeniert. Geübt darin, die dokumentarische Direktheit der zeitgenössischen Fotografie mit einem feinen Sinn für Dialektik in Beziehung zu setzen, ordnet Hager von Strobele in „leftover“ die Konturen von abwesenden Körpern in vorgefundenen Räumen.

Die Absolventin der Akademie der bildenden Kunst in Wien erweist sich in dieser Zusammenstellung von Fotografie, Raum- und Videoinstallation als Verfechterin einer künstlerischen Praxis, die den Ausdruck menschlicher Existenz an den Überbleibseln, den zurückgelassenen Spuren von Gebräuchen und Verwendungen untersucht. Kleidungsstücke nützen sich ab, werden repariert und aufbewahrt – wie die Körper, die sie tragen. Gleich der Stellung des Menschen in der Geschichte, tauchen Kleidungsstücke in „leftover“ als ephemere Objekte auf und werden zum flüchtigen Spielball von Verdopplung, Teilung und Vertauschung.

Um dieser Flüchtigkeit der Körper entgegenzutreten und dem Verschwinden  Einhalt zu gebieten, verlässt sich Käthe Hager von Strobele nicht allein auf die konservierende Kraft der Fotografie. Der menschliche Blick durchdringt stets leere Räume um an jene Oberflächen anstoßen zu können, aus denen die Ausdehnung des Ortes entsteht, den wir Wirklichkeit heißen.

In „leftover“ erhalten diese Räume materielle Realität: Hinter Glas gesetzt, hängen die  Fotografien eingekleidet von Glasvitrinen, wie Relikte in historischen Museen. Hier herrschen Ordnungen wie in jedem Alltag: die Farben und Texturen der Umgebungen lassen Verwandtschaft mit den Mustern und Schnitten der Kleidungsstücke erkennen. Volumina, welche die Kleider zu Skulpturen werden lassen, treten in Resonanz mit der Menschenleere des Raums, der sie umgibt. Und doch quillt aus diesen strukturalen Verwandschaften nicht nur Einklang und Übereinstimmung hervor – hier tritt das Unheimliche auf die Bühne.

Das ebenso heimelig wie unheimlich Vertraute in „leftover“ hat Tradition. Schon Jacob und Wilhelm Grimm bemerkten in ihrem etymologischen Wörterbuch, dass sich aus dem Heimatlichen und Häuslichen der Begriff des „fremden Augen entzogenen, verborgenen und geheimen“ entwickelt und das Heimliche schließlich den Sinn seines Gegenteils – des Unheimlichen – annehmen kann.

Ähnlich den Phantasiestücken von E.T.A. Hoffmann – man denke an den „Sandmann“ oder die Puppe Olimpia in „Hoffmanns Erzählungen“ – vertraut Käthe Hager von Strobele auf die Gewohnheit des Auges, stets nach Anhaltspunkten zu suchen, um in der Kontur einer menschlichen Gestalt die wirkliche Präsenz einer Person wahrnehmen zu können.

Als ob Dinge denken und die ihnen beigebrachten Haltungen erinnern würden, erzählt „leftover“ auf fotografischen Oberflächen von einer Lebendigkeit des Unwirklichen, die tiefer sehen und erkennen lässt, als es der flüchtig wirkliche Moment je könnte.